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Interview mit dem Komponisten Thomas Becker zur Uraufführungseines Werks „Musik für Klavier, Schlagzeug und Kammerorchester“am 5.10.2025

Thomas Becker im Gespräch mit Antje Willam-Drux
Thomas Becker im Gespräch mit Antje Willam-Drux

Herr Becker, Sie haben ein Stück für die Dellbrücker Symphoniker komponiert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit mit dem Orches-
ter?
Der Impuls kam von Annemarie und Albert Gaede, die vor 20 Jahren begonnen haben dieses Orchester aufzubauen, in dem mehrere Generationen zusammenspielen. Ich kenne die Dellbrücker Symphoniker seit ihrer Gründung.
Aber Annemarie und Albert Gaede kenne ich bereits seit dem Studium an der Musikhochschule in Köln. Dort habe ich Komposition studiert, und Annemarie und Albert haben einige meiner Stücke als Pianisten mit uraufgeführt. Im letzten Jahr hat Annemarie mich dann gefragt, ob ich (zum 20-jährigen Jubiläum) ein Stück für das Ensemble komponieren könne. Ich habe direkt zugesagt.

 

Wann haben Sie angefangen zu komponieren?
Begonnen habe ich mit 11, 12 Jahren damit, autodidaktisch Musik aufzuschreiben, die an klassischen Vorbildern orientiert war. Das entwickelte sich dann mit meinen Kenntnissen und musikalischen Fähigkeiten weiter. Durch inspirierenden Musikunterricht wurde ich auch an Neue Musik herangeführt, so dass ich dann begann, mich mit modernen Kompositionstechniken auseinanderzusetzen.

 

Worauf legen Sie beim Komponieren besonderen Wert?
Das Wichtigste für mich ist eigentlich die Klanglichkeit. Wobei ich hinzufügen muss, dass sich meine Auffassung von „Klang“ im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre stark verändert hat. Folgerichtig hat sich damit auch mein kompositorischer Stil verändert.

 

Welche Komponisten haben Sie beeinflusst?
Als ich 1982 das Studium bei Mauricio Kagel in Köln aufnahm, war ich stark beeinflusst durch Komponisten der Avantgarde des 20. Jahrhunderts (Schönberg, Berg, Stockhausen). Hinzu kam meine Beschäftigung mit der Jazzmusik, besonders der Harmonik des Jazz, und viel später, nach einigen
Jahren des kompositorischen Schweigens, in denen ich mich der Interpretation von Musik gewidmet habe, kam ich mit frischem Wind und neuen Ideen und Inspirationsquellen zur Komposition zurück. Hier wurden Komponisten wie Arvo Pärt, Peteris Vasks und Max Richter wichtig, die einen ästhetisch
anderen Ansatz als die postromantischen Komponisten der Nachkriegsavantgarde vertraten. Gegenüber dramatischer Entwicklung ging es jetzt mehr um die Beschreibung eines Zustands; damit einher ging der Verlust einer Angst vor Harmonik: Mir wurde plötzlich klar, dass Dur- und Moll-Akkorde zu gebrauchen nicht mehr negativ behaftet ist. 

 

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Entwicklungslosigkeit, Harmonik, die frei und ohne Richtung ist, Schönheit des Klangs, Formbewusstsein, Musik, die keine Angst hat vor Humor. Und den Möglichkeiten der Instrumente angemessen.

 

Was inspiriert Sie über die Musik hinaus?
Literatur, Film, Musiktheaterdramaturgie, Klangräume, Philosophie.

 

Welche Instrumente spielen Sie? Spielt das eine Rolle für die Kompositionen?
Es gibt eine gewisse Vorliebe für Instrumente, die ich selber beherrsche (Streichinstrumente, Klavier, Orgel), aber als professioneller Komponist gehört es zu meinem Handwerkszeug, für alle Instrumente und Stimmen schreiben zu können.

 

Kann man Aufnahmen von weiteren Stücken hören, die Sie komponiert haben?

Ich habe seit einem knappen Jahr einen You-tube-Kanal (thomas becker composer), auf dem man einige meiner Werke hören und sehen kann. 

 

Was ist zur Konzeption dieses Auftragswerkes zu sagen?
Wie so oft ist die erste Frage, die ich mir stelle, die nach der Besetzung. Nachdem diese geklärt war (Klavier, Schlagzeug, Streicher und Holzbläser), war es für mich naheliegend, meine Inspiration, diese Instrumente betreffend, schweifen zu lassen, und ich hatte sofort konkrete Klangassoziationen:
Das Stück wird gerahmt durch eine geheimnisvolle Bassbewegung, die im Laufe des Stückes kanonartig fortgeführt wird. Dem Klavier kommt die Funktion zu, eine harmonische Progression vorzutragen, die eine gewisse Nüchternheit hat, aber auch eine Schönheit. Der unerbittlich sich nicht verändernde Rhythmus der kleinen Trommel gibt dem Ganzen eine hintergründige Strukturiertheit. Ich muss zugeben, dass der Titel „Musik…“ nicht ohne Absicht an Béla Bartók („Musik für Saiteninstrumente“) erinnert, und die Hereinnahme der kleinen Trommel nicht ganz von ungefähr an Schostakowitsch’s siebte Symphonie.


Herr Becker, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.


Kölner Stadtanzeiger vom 27.01.2023:

Kölner Stadtanzeiger vom 10.02.2022: